24. Juli 2022

Offener Brief an den Lesbenring

Den Lesbenring (LR) gibt es seit 40 Jahren und der Vorstand (LRV) stellt anlässlich dessen auf seiner Homepage die Frage, wie sich der Verein seitdem verändert hat. Wir hätten dazu etwas beizutragen:

Der LR war nach seiner Gründung 1982 ein ‚organisiertes Versprechen gegen das Patriarchat‘; er machte ‚aus Lust und Liebe [ Politik‘ und ‚das Gute daran waren die Lesben darin‘; Grundsatzentscheidungen wurden lang und breit zwischen Vorstand, Beirat und Mitfrauen ausdiskutiert.

Seit 2019 neue Vorstandsfrauen die Vereinspolitik bestimmen, hat sich dies geändert. Zunächst wurde das Vereinslogo ohne Abstimmung weichgespült (modernisiert?); und mit der auf der Mitfrauenversammlung 2021 diskussionslos durchgewunkenen neuen Satzung wurde Lesbenpolitik faktisch gecancelt denn In §1 heißt es nun:

„in dieser Satzung wird das Wort Lesbe als allgemeiner Begriff verwendet, einschließlich Lesben die sich trans,nicht-binär, intergeschlechtlich, bisexuell und/oder queer identifizieren“.  Und auf der Homepage heißt es dazu: “Um die Vielfalt der lesbischen Lebensformen sichtbar zu machen, nutzt der LR die Schreibweise ‚ Lesben*‘, dazu zählen auch bi- und pansexuelle Cis-und Trans*Frauen, sowie Nonbinäre + Queers “.

Abgesehen von den widersprüchlichen Bedeutungen und Interessenlagen hinter diesen epische aufgezählten Begriffen, löscht der LR damit die Definition von Lesben als Frauen die Frauen lieben: woman noun adult human female – ist für den LR passé. Damit untergräbt der jetzige
Vorstand den eigenen Vereinszweck: LESBEN ein Instrument und Podium zu bieten. Er
kann nicht mehr Teil der autonomen Lesbenbewegung sein, die für ein selbstbestimmtes
Leben Frauen liebender Frauen einsteht. Die Begriffe Frau und Lesbe werden Männern zwecks Selbstidentifikation zur freien Verfügung ausgehändigt. Das heißt z.B. konkret: die Herren Ganserer und Kellermann, jetzt schon vom LR vielgeliked und –retweetet, können, bei entsprechendem Identifikationswunsch, sogleich als neue Mit-Glieder beitreten. Dies ist dann wohl die gans neue Art von lesbischer* Sichtbarkeit für die der LR eintritt.

Wir wollen nicht ,daß sich Männer per Sprechakt und Selbstauskunft zu LesbenFrauen erklären können – der LR diskutiert diese Aneignung noch nicht einmal; er ignoriert, daß die Etablierung der Genderidentitätsideologie Lesben ihrer Deutungshoheit über die eigenen Begriffe beraubt, ihre Körperlichkeit und ihr lesbisches Begehren verachtet.

Zudem taucht der Begriff ‚Feminismus‘  als ehemalige theoretische Grundlage im neuen Selbstverständnispapier des LR gar nicht mehr auf. Aber der Kampf für LesbenFrauenrechte ,deren Durchsetzung und Schutz, wird mit dem Verzicht auf eine feministische Positionierung obsolet. Wenn Feminismus beim LR zugunsten einer jetzt dort propagierten Intersektionalität verschwindet, steht die Situation von LesbenFrauen in der patriarchalen Gesellschaft nicht mehr im Mittelpunkt frauenpolitscher Analysen. Sie verschwindet in der intersektionellen Opferhierarchie und entsolidarisiert so die LesbenFrauen. 

Durch die Neupositionierung hat der LRV zwar einen Bruch mit den Intentionen der Gründerinnengeneration vollzogen, weiß sich dafür aber ‚mitten in der Gesellschaft‘ angekommen. Im Mainstream der allgegenwärtigen Genderideologie – die angetrieben von Universitäten, öffentlichen + ‘sozialen’ Medien und einer linksgrünen ,neopatriarchalen‘ Parteipolitik – genderkritische (GC) LesbenFrauen verunglimpft und einem medialen shitstorm aussetzt, will der LR nicht zurückstehen:

– er boykottiert entgegen bewährter Tradition das virtuelle LFT2021 weil dort auch GC Beiträge zu Wort kommen
– er lehnt GC Lesben als Mitfrauen ohne Begründung ab
– er blockiert GC-kritische Stimmen in den sozialen Medien um jeder Diskussion aus dem Weg zu
  gehen
– er hat ‚riesigen Spass‘ beim Kölner Dyke March auf dem ‚Fuck Terf ‚Plakate gezeigt werden und
  schweigt, wenn dort Lesben wegen einer Labrysflagge und dem Statement ‚lesbisch –nicht queer‘
  körperlich angegriffen werden
– er unterstützt und liked wenn Genderkritikerinnen im Netz Menschenfeindlichkeit, Hetze und
  Transphobie vorgeworfen wird, sie ins rechte Abseits gestellt werden oder als ‚terf’ beleidigt werden       – der LR schweigt zu Fragen bezüglich Mietmutterschaft und Prostitution und findet „Transfrauen“
  ganz im Sinne von Lisa Paus in Frauenhäusern gut aufgehoben.                                                                – er bezeichnet es als Feminismus, ‚Solidarität mit Tessa‘ zu zeigen und ignoriert völlig, dass dieser
  inklusive „Feminismus“ nicht mehr Frauen- sondern Männerrechte fokussiert                                           – selbstverständlich begrüßt er auch den nun vorgelegten Entwurf zum „Selbstbestimmungsgesetz“
  der der Selbstbestimmung von LesbenFrauen schaden wird, Frauenrechte aushebelt und die
  Schutzräume vernichtet, den Frauensport zerstört, Statistiken und Förderpläne verfälscht usw.usf.     
  – und – um noch ein letztes Beispiel anzuführen – er unterstützt die Forderung, den Artikel 3 GG um
  den Begriff ‚sexuelle Identität‘ zu erweitern und ignoriert, dass dadurch auch sämtlichen
  Paraphilien, kinks und Fetischisten Tür und Tor geöffnet wird. Welche wissen will, wie nahtlos sich
  Pädophilie hier einfügt, braucht nur das Internet dazu bemühen!

Verrät der LRV LesbenFrauen-Interressen weil es für die Zauberworte Intersektionalität, Genderidentität und Lesbe* als Belohnung Fördermittel gibt?
40 Jahre Lesbenring feiern zu wollen suggeriert jedenfalls eine Kontinuität an lesbisch-feministischer Politik, die es tatsächlich nicht mehr gibt. Der LR steht in keiner Tradition, wenn der frühere ‚Ausbruch aus der Zwangsheteronormativität‘   zum heutigen Zwang zur Transphilie gewendet wird.

Und wo ‚Lesbe‘ draufsteht sollten wirklich nicht ‚Lesben*‘ drin sein….

© Gretel Schnell und Iris Zeume, ehem. Geschäftsstelle Lesbenring Eberbach, Beirat und Regionalgruppe Heidelberg, Juli 2022

 

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