18. August 2022

Leserinnenbrief an taz, die tageszeitung

Während des DykeMarch Hamburg am 5. August stand ich zu weit vorne, um als Augenzeugin der diskutierten Szene zu taugen. Zu dem im Artikel vom 9.8.2022 https://taz.de/DykeMarch-in-Hamburg/!5873833/beschriebenen Eklat kann ich mich dennoch äußern.

Ich folge LAZ reloaded und Women’s Declaration International Germany (WDI) auf Twitter und halte die Aussage, diese Organisationen hätten dort „ihre Empörung darüber ausgedrückt, dass trans und gender-diverse Menschen beim Dyke*March mitlaufen“ für eine rufschädigende Unterstellung. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, entsprechende Tweets mit abzudrucken oder nachprüfbar zu zitieren, das ist auffälligerweise nicht getan worden.

Mit den Organisationen wurde offenbar auch nach dem DykeMarch nicht gesprochen, zumindest fehlt deren Darstellung im Artikel, was ihn in meinen Augen zu einem reinen Meinungsstück, nicht zu einem Bericht, macht. Ich will nicht im Namen von WDI und LAZ sprechen, meine aber behaupten zu können: Niemand dort hat etwas gegen das Mitlaufen von Personen, die sich als „trans“ bezeichnen. Schon gar nicht, wenn es sich bei diesen um weibliche Homosexuelle handelt (im Sinne der englischen Begriffe SEX bzw. same-SEXattracted, nicht same-GENDER-attracted).

Woran sich aber nach meiner Beobachtung zunehmend viele Lesben stoßen, ist die Etablierung einer radikal neuen Definition des Begriffs „Lesbe“. Nach dieser neuen Definition ist eine Lesbe jeder Mensch, der sagt er sei eine, unabhängig von seinem Körper und unabhängig vom Körper seiner Sexualpartner. Viele Lesben verstehen immer noch nicht, dass diese Neudefinition keine Nebensächlichkeit, sondern eine fundamentale Änderung darstellt, dass sie signifikante Konsequenzen für Lesben hat, und dass sie ein Rückschritt in unserem Emanzipationsprozess ist.

Die meisten Lesben sind schon lange relativ offen für mitfeiernde oder mitmarschierende Personen des männlichen Geschlechts (i.S.v. SEX). Aber bei allem, was unmittelbar mit dem Körper zu tun hat, ist für Lesben Schluss, sonst wären diese Frauen sinnvollerweise nicht als lesbisch, sondern als hetero oder bisexuell zu bezeichnen. In der Lesben-Körperselbsterfahrungsgruppe, im „Tantra Workshop für Lesben“, im Lesbendarkroom, auf der Lesbensexparty, im Lesbenbett – überall dort ist, ohne dass man sie dafür hassen müsste, für Männer kein Platz – egal welches Selbstbild sie haben.

Warum? Weil wir nicht durch die Aneignung eines Labels namens „Lesbe“ Lesben sind, sondern weil wir zwei Kriterien erfüllen, die sich beide auf Körper beziehen, nicht auf Vorstellungen, die wir von uns haben, nicht auf Labels, die wir uns geben: Erstens, Lesben sind Frauen. Sie sind Menschen weiblichen Geschlechts (i.S.v. SEX). Und zweitens, Lesben sind homoSEXuell, sie begehren Personen desselben Geschlechts (i.S.v. SEX).

Allerspätestens in den genannten Beispielsituationen fällt auf, und zwar negativ (ggf. traumatisierend) wenn das Gegenüber ein männlicher Körper ist. Der Begriff „Lesbe“ macht ohne Bezug auf den weiblichen Körper keinen Sinn. Wenn uns Genitalien egal wären, würde der Begriff „Lesbe“ gar nicht existieren! Warum sollte eine Person männlichen Geschlechts durch Aussprechen der Worte „Ich bin eine Lesbe“ in unseren Augen an sexueller Anziehungskraft gewinnen? Warum sollte das ggf. feminine Äußere eines Mannes, oder ein Gefühl in seinem Innersten das ändern? Warum sollte sein ggf. vorhandenes Leiden am eigenen Körper in uns erotisches Interesse an männlicher Anatomie wecken?

Die derzeit an Lesben gesendete Botschaft, Penis, Hoden, Sperma seien selbstverständliche Aspekte lesbischer Sexualität, wäre bis vor wenigen Jahren von allen, die behaupten solidarisch mit Lesben zu sein, als Konversionsversuch kritisiert und in der rechten oder radikalreligiösen Ecke verortet worden. Heute wird Lesben, die auf diesen Kern lesbischer Identität hinweisen, „Menschenfeindlichkeit“, „Phobie“, gar eine „rechte Gesinnung“ vorgeworfen. Auch von Frauen.

T-Shirt-Vorderseite mit handschriftlicher Ergänzung: „dykes not dicks“

 

 

 

 

 


T-Shirt-Rückseite mit handschriftlicher Ergänzung:
„Lesbe, die: homosexueller weiblicher Mensch“     

Auch auf dem DykeMarch Hamburg. Ich war dort selbst wegen jener körperlich-materiell verankerten Definition von „Lesbe“ auf meinem T-Shirt das Ziel genau dieser Anfeindungen. Das zentrale Banner der kritisierten Teilnehmerinnen enthielt ebenfalls diese Definition. Dass dieses Verständnis von „Lesbe“ bzw. dass Frauen, die es sicht- und hörbar auf einer – Achtung – Lesbendemo vertreten, wie in der taz am 9.8. als „gewaltprovozierend“ bezeichnet werden, sollte wirklich allen Lesben zu denken geben. Lesben haben dafür gekämpft, zu lesbischer Praxis offen stehen zu dürfen. Es kann doch nicht sein, dass wir nun wieder so tun müssen, als sei das, was uns definiert, nämlich exklusive sexuelle Orientierung auf weibliche Körper, problematisch oder phobisch! Das wäre das Gegenteil von Fortschritt. Ich bin also weder von der Fortschrittlichkeit des Vorhabens überzeugt, homosexuellen Frauen Penis schmackhaft zu machen, noch davon, dass ein heterosexueller Mann qua „Geschlechtsidentität Frau“ angeblich dieselben Marginalisierungserfahrungen macht, wie eine Lesbe. Oder gar schlimmere, weshalb Lesben solche Männer als ihresgleichen anzuerkennen hätten. Ich bleibe gelinde gesagt skeptisch und finde, den Begriff Lesbe nicht auf Personen männlichen Geschlechts (SEX) auszudehnen, ist genauso wenig feindlich oder phobisch wie den Begriff Person of Colour nicht auf Weiße auszudehnen.

Queers versuchen uns zu belehren, dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Körperlichkeit und seiner SEXuellen Orientierung Lesbe sein kann. Damit ist dann der „DykeMarch“ ein Menschenmarsch, auf dem Menschen für mehr menschliche Sichtbarkeit demonstrieren. Mir ist das zu beliebig. Mir ist da zu viel Dekonstruktion. Die Welt wird nicht gerechter, wenn wir Begriffe bis zur Bedeutungslosigkeit dekonstruieren, sondern wenn wir genau schauen, was die materiellen Faktoren für die ungerechten Machtverhältnisse sind.

Es war mal linke Kernkompetenz, das zu verstehen. Und es war mal klar, wer nicht nur undifferenziert irgendwelchen Menschen, sondern gezielt Lesben eine Stimme geben will, muss Lesben zentrieren. Um das zu tun, braucht man eine sinnvolle Definition von Lesbe. Die Definition „Lesbe ist jeder Mensch, der sich Lesbe nennt“, ist keine sinnvolle. Sie sorgt ganz konkret dafür, dass Geld, welches als Förderung lesbischer Sichtbarkeit deklariert wird, zunehmend nicht bei Lesben landet oder dass Posten für unsere politische Repräsentation zunehmend nicht von Lesben besetzt werden.

Die vom Junglesbenzentrum Hamburg seit vielen Jahren auf dem DykeMarch eingebrachte dreidimensionale Riesenvulva ist nicht ohne Grund dort dabei. Schade aber bezeichnend, dass sie inzwischen die Demonstration nicht mehr anführt, sondern an deren Ende steht.

© Melina Rauch, Hamburg, 13.8.2022

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Carolina Brauckmann

    Sehr klar und nachvollziehbar. Danke.

  2. Bianca

    Danke für diesen Text!
    Was mich so ärgert: Viele Lesben sagen sinngemäß „mir wird doch nichts weggenommen von den armen Translesben!“ Das kann man doch wirklich nur sagen aus einer sicheren, privilegierten Position heraus und in Ermangelung gewisser Solidarität zu Lesben, die weniger privilegiert, weniger sicher leben. Und was ist insbesondere mit den Teenagerinnen, die ggf. noch kein gefestigtes Selbstbewusstsein bzgl. ihrer Homosexualität haben? Sollen die ihr Begehren weiblicher Körper wirklich kritisch hinterfragen angesichts der Belehrung, dass es sowas wie einen „weiblichen Körper“ ja überhaupt nicht gibt?! Die Behauptung, man könne Weiblichkeit nicht am Körper (sondern nur an femininem Outfit oder der Aussage des Gegenübers „Ich bin eine Frau“) festmachen, muss junge Neu-Lesben doch verunsichern! Es ist doch himmelschreiendes Unrecht, Mädchen zu sagen „Auch wenn Du Dich als Lesbe bezeichnest, darfst Du Männer bzw. Menschen mit Penis nicht kategorisch aus Deinem Datingpool ausschließen, das wäre sonst transphob von Dir, denn manche Frauen haben nun mal einen Penis!“

  3. Anna

    Die Revolution frisst ihre Kinder.
    Wer hat es kommen sehen: Alle, die weder links noch homosexuell sind.
    Hat man uns geglaubt? Nein.
    Aber ihr sehr, was es bringt, wenn man Frauen das Frau sein aberkennt.

    Als die Männer nicht verschwanden, brauchte man ja eine andere Lösung.

    Leute, das sind Kranke Geister. 41%.

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Carolina Brauckmann

    Sehr klar und nachvollziehbar. Danke.

  2. Bianca

    Danke für diesen Text!
    Was mich so ärgert: Viele Lesben sagen sinngemäß „mir wird doch nichts weggenommen von den armen Translesben!“ Das kann man doch wirklich nur sagen aus einer sicheren, privilegierten Position heraus und in Ermangelung gewisser Solidarität zu Lesben, die weniger privilegiert, weniger sicher leben. Und was ist insbesondere mit den Teenagerinnen, die ggf. noch kein gefestigtes Selbstbewusstsein bzgl. ihrer Homosexualität haben? Sollen die ihr Begehren weiblicher Körper wirklich kritisch hinterfragen angesichts der Belehrung, dass es sowas wie einen „weiblichen Körper“ ja überhaupt nicht gibt?! Die Behauptung, man könne Weiblichkeit nicht am Körper (sondern nur an femininem Outfit oder der Aussage des Gegenübers „Ich bin eine Frau“) festmachen, muss junge Neu-Lesben doch verunsichern! Es ist doch himmelschreiendes Unrecht, Mädchen zu sagen „Auch wenn Du Dich als Lesbe bezeichnest, darfst Du Männer bzw. Menschen mit Penis nicht kategorisch aus Deinem Datingpool ausschließen, das wäre sonst transphob von Dir, denn manche Frauen haben nun mal einen Penis!“

  3. Anna

    Die Revolution frisst ihre Kinder.
    Wer hat es kommen sehen: Alle, die weder links noch homosexuell sind.
    Hat man uns geglaubt? Nein.
    Aber ihr sehr, was es bringt, wenn man Frauen das Frau sein aberkennt.

    Als die Männer nicht verschwanden, brauchte man ja eine andere Lösung.

    Leute, das sind Kranke Geister. 41%.

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